Vom Befreiungs-Mythos zum LinkedIn-Wahn: Wie narzisstische Geldmaschinen und Corporate Bullshit unsere Freiheit rauben. Ein Weckruf über digitale Sklaverei.

// Titelbild: “Bist du einsam? Ich kann das ändern …” aus Blade Runner 2049
„Das Internet macht alles besser“, hiess es einmal. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als junger Mensch fest daran glaubte: Das Internet würde uns befreien! Ich war überzeugt, dass Wissen endlich gerecht über alle Menschen verteilt würde, dass wir kollektiv schlauer, besser und intelligenter werden. Die digitale Revolution als Werkzeug der Aufklärung; so meine Vision.
Doch wer heute durch seine Feeds scrollt, sieht ein anderes Bild: Statt kollektiver Intelligenz erleben wir eine Endlosschleife aus digitalen Hotdog-Legs, Urlaubsneid und besonders perfide, dem künstlichen Selbstoptimierungswahn auf Business-Plattformen wie LinkedIn.
Wir lieben Begriffe wie „agil“, „dynamisch“ und „disruptiv“. Doch schaut man genauer hin, ist das „Neue“ oft gar nicht so neu. Vielmehr ist eine neue Sprache entstanden, um den technologischen Stillstand zu kaschieren: das Corporate Bullshit-Bingo.
Wir jonglieren mit Anglizismen und hohlen Phrasen, um eine Tiefe vorzugaukeln, die es nicht gibt. Es ist die rhetorische Verpackung für eine leere Schachtel. Wer wissen will, wie tief dieser Sumpf aus Phrasen wirklich ist, sollte einen Blick in das Werk meines alten Freundes Hans Rudolf Jost werfen. In seinem Buch „Best of Bullshit: Worthülsen aus der Teppichetage“ sezierte er schon vor 15 Jahren meisterhaft, wie Sprache missbraucht wird, um Inhaltsleere zu kaschieren.
Ob „Customer-Centricity“ oder „Mindset-Shift“, es sind genau diese Worthülsen, die Jost entlarvt und die heute den Treibstoff für die digitale Selbstdarstellung liefern.
LinkedIn ist „Best of Bullshit“ in Echtzeit-Übertragung.
Besonders deutlich wird dieser sprachliche Zerfall auf LinkedIn. Früher war ein Lebenslauf ein Dokument, heute ist er eine Dauer-Performance in einer Arena aus Buzzwords. Jeder banale Arbeitsschritt wird zum „Game Changer“ aufgeblasen. Wer nicht postet, wie „humbled and honored“ er über die nächste Zertifizierung ist, findet in der digitalen Ökonomie nicht statt. Es ist das „Best of Bullshit“ in Echtzeit-Übertragung.
Die MIT-Professorin Sherry Turkle nannte es treffend: „Alone Together“. Wir ergötzen uns voyeuristisch an unserem eigenen Leben und dem unserer Kontakte. Wir bezahlen die scheinbar kostenlosen Dienste mit unserer Privatsphäre und unserer ungeteilten Aufmerksamkeit.
„Zuckerberg & Co. sind die Dealer eines narzisstischen Zeitalters, in dem wir selbst unsere eigene Droge sind.“ – Sherry Turkle
Während wir uns als „Visionäre“ inszenieren, merkt kaum jemand, wie die Gesellschaft sich verschiebt: Die Mittelschicht wird zur armen Oberschicht, während eine Handvoll Superreicher an unserem Geltungsdrang verdient.
Statt der erhofften Befreiung und der kollektiven Intelligenz erleben wir oft nur eine Zerstörung bestehender Strukturen, um sie durch digitale Abhängigkeit zu ersetzen (Taxifahrer ohne Lizenz? Wie innovativ!). Wir sind zu unbezahlten Arbeitern geworden, die in ihrer Freizeit Aufmerksamkeit generieren, um die Algorithmen der Tech-Giganten zu füttern. Ein Mann wusste das alles schon lange vor dem ersten Mausklick:
„Die Massen sind im Grunde bereit zur Sklaverei.“ – Friedrich Nietzsche
Es scheint, als hätten wir uns nicht nur an die Disruption angepasst, sondern uns ihr vollkommen unterworfen. Wir polieren unsere eigenen Ketten mit dem Glanz von 500+ Kontakten und hoffen auf ein „Like“, das uns kurzzeitig das Gefühl gibt, wichtig zu sein.